Was wird jetzt eigentlich aus Olympia?

Die achte Ausgabe vom TROPS-Newsletter: Ein Interview mit einer Bogenschützin, Fußballer auf Reisen, sexuelle Gewalt im Schwimmsport und eine Leseprobe

Liebe:r Abonnent:in von TROPS,

der Plan sieht noch immer so aus: Im Sommer sollen die Olympischen Spiele in Tokio stattfinden. Doch ob das die Pandemie zulässt, ist nicht sicher. Wie ist das eigentlich für die Sportler:innen? Diese Unsicherheit, das Hinfiebern auf den riesigen Traum, der wieder um ein Jahr verschoben werden könnte? Wie motivieren sie sich? Ich habe für den TROPS-Talk nachgefragt – und zwar bei Michelle Kroppen. Sie ist eine der besten Bogenschützinnen Deutschlands und hat gute Chancen, sich für Olympia zu qualifizieren. 🏹

Ansonsten geht es in der Ausgabe #08 um Fußballer, die für zwei unwichtige Spiele mitten in der Pandemie aus München nach Doha fliegen, um sexuellen Missbrauch im Schwimmsport und um eine besondere Kampagne namens „Ihr könnt auf uns zählen“.

Im TROPS-Tipp gibt es für dich eine gratis Leseprobe von einem super Buch, das Video der Ausgabe zeigt irre Körperbeherrschung.

Und: Die Schwäbische Zeitung hat mich über den Newsletter interviewt, den Artikel habe ich weiter unten als Foto eingefügt. Habe mich sehr über das Interesse gefreut und ich begrüße dieses Mal natürlich besonders die Schwäbinnen und Schwaben hier im Kreis! 🥳


1. Alle müssen zu Hause bleiben – und die Fußballer fliegen um die Welt ✈️

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Es ist schon merkwürdig. Wir stecken gerade mitten in einer weltweiten Pandemie. Und da gibt es eine Berufsgruppe, die trotzdem ohne Probleme von einer Ecke der Welt in eine andere fliegen darf, um sehr unwichtige Arbeiten zu erledigen: die Profifußballer. ⚽️

  • Es ist eigentlich ja nichts Neues, dass der Profifußball seit einer Pause während der ersten Corona-Pause wieder läuft. Das Hygienekonzept wurde abgesegnet. Nur: In den letzten Wochen hat das Ganze neue Ausmaße angenommen.

  • Die Spiele vom Europapokal standen an. Nur spielen da Vereine aus unterschiedlichen Ländern gegeneinander, normalerweise „besucht“ ein Verein den anderen. Jetzt gelten aber die Reisebeschränkungen oft auch für Fußballer. Also wurde improvisiert: Hoffenheim spielte gegen Molde (Norwegen) in Villareal (Spanien), Leipzig gegen Liverpool in Budapest, Lissabon gegen Arsenal (England) in Rom.

  • Der FC Bayern München flog letztens zu der „Klub-WM“, einem sehr unbedeutenden Turnier, nach Doha – und kam zurück mit zwei positiv getesteten Spielern. Zu den Menschenrechtsverletzungen in Katar äußerte sich der Verein übrigens nicht. (Seit der WM-Vergabe nach Katar (das war 2011) sollen dort 6500 Gastarbeiter gestorben sein. Das berichtete jetzt am Dienstagmorgen der Guardian.)

  • Was passiert da gerade im Fußball? Der Journalist Klaas Reese hat zu dem Thema einen sehr guten Kommentar geschrieben:

„Es zeigt sich also einmal mehr: Die größte Gefahr für den Profifußball geht nicht von den Fans, sondern von den Funktionären aus. Und es zeigt sich, dass es endlich mehr Politikerinnen und Politiker braucht, die sich trauen, deren Forderungen zu widersprechen. Und es braucht eine Öffentlichkeit, die sagt: Diesen Wahnsinn machen wir nicht mehr mit.“

➡️ Den ganzen Kommentar beim Deutschlandfunk findest du hier:

Zum Kommentar


2. Ein Bundestrainer soll Schwimmerinnen jahrelang sexuell belästigt haben – der Verband griff nicht ein

Solche Recherchen sind extrem hart zu lesen, aber umso wichtiger: Ein Team vom Spiegel hat aufgedeckt, dass der aktuelle Schwimm-Bundestrainer Stefan Lurz über Jahre Schwimmerinnen sexuell belästigt haben soll. Und wieder einmal muss man fragen: Wie konnte da so lange niemand einschreiten? Und wie oft muss so etwas noch passieren, bis die Verbände endlich reagieren?

  • Lurz ist Bundestrainer im Freiwasserschwimmen, aktiv am Bundesstützpunkt in Würzburg. „Wer in Würzburg trainiert und bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen starten will, braucht sein Wohlwollen. Ohne ihn geht es nicht“, steht im Text.

  • Der Trainer nutzte seine Macht wohl brutal aus. Er soll teils minderjährigen Schwimmerinnen Nacktfotos von sich geschickt haben, sie zu Küssen genötigt und neben ihnen onaniert haben.

  • Die Vorwürfe sind nicht neu: Bereits 2010 hatte eine 15-jährige Schwimmerin gesagt, dass Lurz sie im Trainingslager in Singapur vergewaltigt habe. Der Schwimmverband stellte sich hinter Lurz und das Mädchen wurde allein gelassen. Schließlich zog sie die Anschuldigungen zurück, die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen ein.

  • Eine Betroffene erzählt von psychischen Störungen und Suizidgedanken nach Lurz’ Übergriffen.

  • Extrem krass ist auch, dass der Deutsche Schwimm-Verband auch 2019 nach neuen Anschuldigungen nicht reagierte.

  • Nach dem Spiegel-Text hat sich aber einiges getan: Lurz wurde zunächst suspendiert, dann trat er selbst von seinem Amt zurück. Mittlerweile ermittelt auch die Staatsanwaltschaft wieder.

„So wie es aussieht, ist in Würzburg geschehen, was schon aus anderen Sportarten bekannt ist […] Meistens nutzen die Trainer dabei die Abhängigkeiten und den extremen Druck im Leistungssport systematisch für sich aus.“ – Der Spiegel

➡️ Die Journalist:innen Ann-Katrin Müller, Sven Becker und Jannik Höntsch haben zu dem Thema wirklich ausführlich recherchiert. Ihren Text (+) findest du hier:

Zum Spiegel-Text


3. 800 Fußballer:innen sagen zu homosexuellen Kolleg:innen: „Ihr könnt auf uns zählen“ 🏳️‍🌈

Für Freund:innen von mir, die sich nicht so sehr mit Fußball beschäftigen, ist das immer wieder mal ein Diskussionsthema: Im deutschen Profifußball gibt es keinen offen homosexuellen Spieler. Wo die Gesellschaft schon deutlich weiter, ist der Fußball hier extrem rückschrittlich. Die Spieler haben Angst vor Anfeindungen. Das Fußball-Magazin „11 Freunde“ will dagegen ein Zeichen setzen – gemeinsam mit 800 Fußballer:innen.

  • In der Ausgabe von letzter Woche steht eine Erklärung mit dem Titel „Ihr könnt auf uns zählen!“ Auf den folgenden Seiten haben Fußballer*innen Schilder mit dem Slogan in der Hand, ganze Mannschaften haben die Erklärung unterschrieben.

  • Gemeinsam erklären sie alle ihre Solidarität mit homosexuellen Mitspielern.

  • Von der Aufmachung erinnert die Aktion etwas an „actout“: Das ist eine Initiative von 185 Schauspieler*innen, die vor einigen Wochen im SZ Magazin ein Manifest veröffentlicht haben. Dort outeten sie sich als bisexuell, queer, nicht-binär, trans*, lesbisch und schwul.

Wir haben […] dazu auf­ge­rufen, dass so viele Fuß­baller und Fuß­bal­le­rinnen wie mög­lich ein Zei­chen der Soli­da­rität setzen. Dass Men­schen zeigen, dass sie für­ein­ander da sein werden, wo bis jetzt noch unklare Ver­hält­nisse bestehen. You’ll never walk alone. Weil wir glauben, dass es nicht darauf ankommt, wer sich wann und wie zu seiner Sexua­lität bekennt. Son­dern dass sich der-/ oder die­je­nige schon jetzt wohl in seiner/​ihrer Umge­bung fühlt. – Tobias Ahrens, 11 Freunde

➡️ In einem Text hat der Journalist Tobias Ahrens die Gründe für die Aktion und einige Reaktionen zusammengefasst.

Zum Text bei 11 Freunde


Der TROPS-Talk… mit Michelle Kroppen ☎️

Im Sommer sollen die Olympischen Spiele in Tokio stattfinden. Doch ob das die Pandemie zulässt, ist nicht sicher. Wie ist das eigentlich für die Sportler:innen?

Michelle Kroppen kennt diese Unsicherheit. Die 24-Jährige gehört zu den besten Bogenschützinnen Deutschlands und hat sehr gute Chancen, sich für Olympia zu qualifizieren. Sie trainiert täglich etwa acht Stunden im Olympia-Stützpunkt Berlin-Hohenschönhausen und ist jetzt zu Gast im TROPS-Talk! 🏹

Hallo Michelle, was fasziniert dich an deinem Sport?

Die Perfektion. Dieses Verlangen, jeden einzelnen Schuss aufs Neue wieder perfekt machen zu wollen. Wenn ich ihn dann loslasse und als Resultat auch noch sehe, dass er in die Mitte gegangen ist, ist das für mich das schönste Gefühl, was es gibt.

Das ist auch das, was es so besonders macht: Man hat immer direkt eine Analyse. Man sieht, wo der Pfeil hingegangen ist. Viele Leute sagen, Bogenschießen sieht so leicht aus. Aber es ist bei uns Millimeterarbeit, jeden Schuss genau gleich zu machen.

Du hast gute Chancen, dich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren. Was bedeuten dir die Spiele?

Ich glaube, es ist der Traum eines jeden Sportlers, zum einen zu Olympia zu fahren und zum anderen eine Medaille zu gewinnen. Ich möchte das alles aufsaugen. Irgendwann will ich das meinen Kindern erzählen können. Denn ich habe mein ganzes Leben darauf ausgerichtet, meinen Traum zu leben, meinen Sport zu leben und an den Spielen teilzunehmen. Das würde mir alles bedeuten.

Noch immer ist ja unklar, ob die Spiele wegen der Pandemie überhaupt stattfinden können. Wie schaust du auf den Sommer?

Ich kann mir schon vorstellen, dass sie stattfinden. Allerdings ist es wahrscheinlich so, dass dieses olympische Flair verloren gehen wird. Normalerweise gibt es ja diese riesige Eröffnungsfeier und das Olympische Dorf, wo alle Nationen wie in einem kleinen Städtchen zusammenleben. Jetzt könnte es so sein, dass die Sportler in Hotels nahe den Wettkampfstätten untergebracht sind, um kurze Wege zu haben.

Und dann hat man ja eigentlich die Möglichkeit, über die ganze Zeit der Spiele dazubleiben und sich alle anderen Sportarten frei anzugucken. Das wird wohl auch eher so, dass man zum Wettkampf anreist und wieder abreist. So doof es klingt: Ich glaube, dass die Olympischen Spiele das Feeling verlieren werden und dieser Wettkampf wie ein anderer normaler Wettkampf ablaufen wird.

Wie konntest du dich nach der Absage von Tokio 2020 motivieren, weiter so viel zu trainieren?

Natürlich war es ein Schlag und erstmal war die Motivation weg, aber ich konnte die Verschiebung ja nachvollziehen. Jetzt halte ich die Motivation hoch, indem ich viel mit meinem Sportpsychologen zusammenarbeite.

Wir haben auch meine Zielstellung etwas verschoben – dass es nicht darum geht, dass ich in Tokio dabei sein möchte, sondern dass ich an Olympischen Spielen teilnehme und eine Medaille gewinnen möchte. Da geht es nicht um eine Jahreszahl. Nur weil das Ziel verschoben ist, ist es ja trotzdem da. Und so hatte ich die Möglichkeit, noch ein Jahr härter an mir zu arbeiten, zu trainieren, die Technik weiter zu verbessern.

Liebe Michelle, herzlichen Dank für das Gespräch!

➡️ Wenn du dich für Michelles Training interessierst, kannst du ihr hier auf Instagram folgen.🥇


Der TROPS-Tipp 💁

Ich hatte es in einer vorherigen Ausgabe von TROPS schon mal kurz erwähnt: Andrea Petković, eine der besten Tennisspielerinnen der letzten Jahre, hat ein Buch geschrieben. Es heißt „Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht“. Unter allen TROPS-Abonnent:innen hatte ich drei Bücher verlost, sie sind bereits verschickt. Viel Spaß beim Lesen! 📖

An alle anderen: Das Buch ist wirklich schön, um Blicke aufs Tennis zu bekommen, die man vorher noch nie gelesen hat. Es ist keine klassische Biografie, sondern es sind eher einzelne Erzählungen aus Petković’ Leben. Sie schreibt über ihre Kindheit in Darmstadt, die erste große Niederlage, später über ihr Verhältnis zu ihrem Körper und über Wimbledon.

➡️ Hier gibt es eine gratis Leseprobe für alle TROPS-Abonnent:innen.

Zum Download der Leseprobe

➡️ Das Buch gibt es zum Beispiel hier oder natürlich beim Buchladen deines Vertrauens.


Das Video der Ausgabe 📺

Ich weiß nicht, ob du schon einmal Skifahren geguckt hast. Aber es ist ziemlich heftig, wie die Fahrer*innen in der Abfahrt den Berg herunterrasen. Immer wieder kommt es zu heftigen Stürzen. Im Video der heutigen Ausgabe ist es fast wieder soweit: Denn der Franzose Maxence Muzaton kommt bei 100 Stundenkilometern ins Straucheln. Was danach kommt, ist wohl eine der irrsten Rettungsaktionen im Wintersport. ⛷ 

Muzaton musste danach trotzdem kurz zum Arzt, es war aber alles okay mit seinen Knien.


By the way: Am letzten Dienstag ist in der Schwäbischen Zeitung ein kleines Interview über TROPS erschienen, das der Journalist Emanuel Hege mit mir geführt hat. Ich erzähle da ein bisschen über den Newsletter und warum ich ihn eigentlich schreibe. 🥳


Wenn du Feedback für mich hast oder Geschichten, Filme, Bücher etc. findest, die auch für alle anderen TROPS-Abonnent*innen spannend sein könnten, dann antworte mir gerne hier auf diese Mail oder schreib’ mir an mail@laurenzschreiner.de. Danke!

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Bis in zwei Wochen, dann kommt die nächste Ausgabe! ✌️

Herzlichen Gruß
dein Laurenz

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