Wie es im Fußball zu Antiziganismus kommt: Die siebte Ausgabe von TROPS

Über eine Hinrichtung im Iran, einen Bild-Journalisten im Streit mit den Fans und eine sterbende Sportart

Liebe*r Abonnent*in von TROPS,

zum Beginn ein Kracher: Ich verlose drei Bücher von dem Buch „Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht“ von Andrea Petković. Sie ist Tennisspielerin und hat ihr erstes Buch veröffentlicht. Im Lostopf sind alle, die sich bis Freitag für TROPS angemeldet haben. 📖

In der siebten Ausgabe findest du Infos zu einem Boxer, der im Iran hingerichtet wurde, zu einem Bild-Journalisten, gegen den die Kölner Fans protestiert haben, und zu einer aussterbenden Sportart.

Im TROPS-Talk gibt es wieder ein Highlight: Pavel Brunssen spricht zu Antiziganismus im Fußball und warum viele Fans das Z-Wort als Beleidigung nutzen. Außerdem empfiehlt eine TROPS-Leserin etwas für die kalten Tage. 🚀


1. Im Iran wird ein Boxer hingerichtet – Sanktionen gibt es nicht

Es ist ein schreckliches Thema hier zum Start: Im Iran wurden in den vergangenen Monaten drei Sportler hingerichtet. Große Aufmerksamkeit bekam im September die Hinrichtung des Ringers Navid Afkari. Vor einigen Tagen wurde nun Medienberichten zufolge der Boxer Ali Mutairi getötet.

  • Mutairi, 30 Jahre alt, soll bei Demonstrationen zwei Menschen getötet haben und Teil des IS gewesen sein. Ein Geständnis habe es aber nur unter Folter gegeben, sagen Menschenrechtsgruppen.

  • Schon nach der Hinrichtung des Ringers Afkari im September gab es keine Sanktionen durch das Internationale Olympische Komitee (IOC). Ein Ausschluss des Landes würde die anderen Athleten des Irans bestrafen „nur weil sie in einem bestimmten politischen System leben", teilte das IOC damals dem WDR Sport inside mit. Dieses Mal sagt das IOC, dass der Kriminalfall nicht mit den Sportwettbewerben zusammenhängt und sich deshalb nicht im Aufgabengebiet des IOC befindet.

  • Die deutsche Athlen-Vertretung „Athleten Deutschland“ sieht das anders und fordert nun erneut Konsequenzen. Sie wollen, dass der Iran vom Weltsport ausgeschlossen wird, die Athlet*innen aber unter neutraler Flagge starten dürfen.

„Wir sind ohnehin in der ganzen Menschenrechtsdiskussion auch der Auffassung, dass sich die Verantwortung des IOC nicht nur auf die Ausrichtung der Spiele eben bezieht, sondern als Dachorganisation der Olympischen Bewegung eben viel weiter trägt und da muss das IOC natürlich genau dann aktiv werden, wenn Athletinnen und Athleten verfolgt werden, wenn sie gezielt Repressalien ausgesetzt sind.“ – Maximilian Klein, Athleten Deutschland

➡️ Mehr zu dem Fall gibt es beim Deutschlandfunk: Journalist Raphael Späth hat mit dem Athleten-Sprecher Maximilian Klein gesprochen, Maximilian Rieger hat dazu den Politikwissenschaftler Ali Fathollah-Nejad interviewt.

Zum Interview

🙏 TROPS-Leserin Hanna hat mich auf das Thema aufmerksam gemacht und dachte, dass es für alle hier spannend sein könnte, herzlichen Dank!


2. Der 1. FC Köln will einen Ex-Bild-Journalisten einstellen – dann protestieren die Fans und Podolski ⚽️

Jeder große Fußballverein hat mittlerweile eine Medienabteilung. Die kümmert sich wie bei klassischen Unternehmen um die Kommunikation nach innen und außen und beantwortet zum Beispiel Medienanfragen. Eigentlich ist das ein Posten, der Fans nicht so sehr auffällt – doch jetzt gibt es ein sehr spannendes Gegenbeispiel aus Köln.

  • Vergangene Woche verkündete der Bundesliga-Klub 1. FC Köln, dass ein neuer Leiter für die Medienabteilung kommen soll: Fritz Esser, der viele Jahre bei der Bild gearbeitet hat und seit 2019 in der Kommunikationsabteilung bei „DB Schenker“ ist.

  • Soweit ist das nichts Unübliches, (leider) wechseln immer wieder Journalist*innen die Seite und gehen in die PR-Abteilungen von Vereinen oder Unternehmen. Nur: Dieses Mal guckten sich die Kölner Fans genau an, wer denn da kommen soll.

  • Generell sind viele Kölner Fans keine Freunde der Bild, sie ärgern sich über die Art der Berichterstattung. Dazu kam, dass sich im Internet viele Äußerungen von Esser finden lassen, in denen er 1) die Kölner Fans beleidigt (z. B. als „Schwachmaten“) und 2) in Bild-Kommentaren sehr rechte Positionen vertritt (z. B. „Wir schieben die Falschen ab“).

  • Kölner Fans sammelten solche Tweets und Kommentare, schnell entstand eine große Protestbewegung gegen den neuen Medienchef. Auch die Kölner Legende Lukas Podolski oder bekannte Fans wie Carolin Kebekus oder die Kölner Band Kasalla protestierten. Viele Mitglieder beschwerten sich direkt beim Vereinsvorstand.

  • Und tatsächlich: Nur zwei Tage nach der Verkündung des neuen Medienchefs war die Geschichte schon wieder vorbei. Der Verein gab an, auf die Zusammenarbeit zu verzichten.

  • Das Ganze ist ein sehr passendes Beispiel dafür, wie viel Macht die Fans bei Traditionsvereinen wie Köln noch immer haben können und wie deutlich sich mittlerweile viele Fans für einen toleranten und offenen Fußball einsetzen.

„Sie alle zeigten, dass sie trotz momentan für Publikum geschlos­sener Sta­dien für ihre Werte ein­treten und ihren Verein nicht gänz­lich den Ent­schei­dern über­lassen.“ – Arne Steinberg, 11Freunde

➡️ Wenn du mehr über den Fall und die genauen Äußerungen von Esser lesen möchtest, empfehle ich dir diesen Überblick von Arne Steinberg bei 11Freunde.

Zum Köln-Text


3. Diese Sportart wird bald sterben – nach vielen Jahrhunderten ♟️

Okay, die Überschrift ist hier etwas plakativ – aber wahr. Es geht nämlich um den Tod einer ganzen Sportart: Fernschach. Und ein Berliner ist gerade noch mittendrin in den letzten Momenten der letzten Olympiade aller Zeiten.

  • Fernschach funktioniert wie Schach, aber ohne Zeitdruck und ohne zusammen am Tisch zu sitzen. Man schreibt also seinen Zug auf und schickt die Karte dann per Post an den Gegner. Dabei kann man Hilfsmittel wie Schachbücher einsetzen. ✉️

  • Ein Spiel kann so mehrere Monate und manchmal Jahre dauern. Es sind sogar schon Spieler während des laufenden Spiels gestorben.

  • Jetzt steht gerade die 19. Fernschach-Olympiade kurz vor dem Abschluss – nach fast fünf Jahren Spielzeit. Vier der insgesamt 312 Spiele laufen gerade noch, gerade hängt alles an der Postkartenkorrespondenz zwischen dem Ukrainer Ivan Terelya und dem Bulgaren Nikolai Ninov.

  • Mittendrin ist der Berliner Matthias Kribben. Er ist Vierter der Fernschach-Weltrangliste und kann mit dem deutschen Team noch die Olympiade gewinnen – wenn Terelya und Ninov remis spielen. Das Ergebnis wird im Internet bekannt gegeben.

  • In Deutschland spielen etwa 3000 Menschen Fernschach, 100 000 weltweit. Die Ursprünge liegen wohl in der Mitte des 17. Jahrhunderts: Damals sollen venezianische und kroatische Kaufleute über Briefwechsel Schach gespielt haben. Die DDR gewann übrigens 1995 Bronze – als es den Staat schon gar nicht mehr gab.

Die Belastung beim Fernschach ist eine andere als beim Spiel am Brett: man entscheidet vom Zeitdruck befreit, ohne Gefühle. „Schach am Brett ist wie eine Klausur“, sagt Kribben. „Fernschach ist eher wie eine Doktorarbeit.“ – Tagesspiegel

➡️ Lars Spannagel hat für den Tagesspiegel eine lesenswerte Reportage über Kribben und Fernschach geschrieben (+). Der Text zeigt, dass Sport nicht immer Zeitdruck oder Emotionen braucht und wie ein extrem nischiges Hobby Menschen auf der ganzen Welt vernetzen kann. 🌎

Zum Fernschach-Text


Der TROPS-Talk ☎️

Vergangene Woche wurde ein Ausschnitt aus der WDR-Sendung „Die letzte Instanz“ tausendfach geteilt. Dort hatten sich Prominente wie die Schauspielerin Janine Kunze rassistisch gegenüber Sinti*zze und Rom*nja geäußert und unter anderem darüber abgestimmt, ob man heute noch „Z-schnitzel“* sagen soll.

*Das Z-Wort für Sinti*zze und Rom*nja wird von den Betroffenen als diskriminierende Fremdbezeichnung verstanden. Auch die Nazis nutzten das Wort, um Sinti*zze und Rom*nja zu entmenschlichen. (Mehr erklärt zum Beispiel der Roma-Aktivist Gianni Jovanovic hier.)

Auch im Fußball gibt es ein Problem mit Antiziganismus. Darüber schreibt Pavel Brunssen derzeit seine Doktorarbeit an der University of Michigan, außerdem forscht er zu dem Thema seit Jahren. Per Videocall hat er im TROPS-Talk von seinen Erkenntnissen berichtet.

Hallo Pavel, inwieweit haben dich die rassistischen Äußerungen in der WDR-Sendung überrascht?

Gar nicht. Das gesellschaftliche Bewusstsein für Antiziganismus ist sehr gering. Im Fußball bleibt die Verwendung des Zigeunerbegriffs oft unter der Öffentlichkeitsschwelle. Das bleibt dann unbemerkt und wird nicht skandalisiert. Es folgen keine öffentlichen Entschuldigungen, so wie es ja immerhin nach der WDR-Sendung passiert ist.

Wie zeigt sich Antiziganismus im Sport?

Zum Beispiel an Gesängen von Fans. „XY, ihr Zigeuner“, ist ein bekannter Gesang, bei dem jeweils die gegnerische Stadt, die Mannschaft, die anderen Fans oder die Schiedsrichter angesprochen werden. Das hat sich leider als Beleidigungskultur im Fußball etabliert. Neben den Sprechgesängen gibt es auch visuellen Antiziganismus in Form von Bannern, Aufklebern und Graffitis.

Zugleich gibt es auch Antiziganismus zwischen Spielern und Trainern. Bei Feiern nennt man sich gegenseitig „Zigeuner“ und zieht sich damit auf. Das funktioniert, weil man sich antiziganistischen Bildern bedienen kann, um sich darüber zu belustigen und sich der eigenen Zugehörigkeit zur Mehrheitsgesellschaft zu versichern.

Warum ist Antiziganismus denn auch im Sport so verbreitet?

Der Sport – und vor allem der Fußball – bietet eine Gelegenheitsstruktur. Wenn nicht gerade Pandemie ist, gibt es im Stadion ein Zusammenwirken von zwei Dingen: großer Öffentlichkeit und Anonymität. Da sitzen mehr als 40.000 Menschen. Ich kann etwas rufen, was viele Leute mitbekommen – und dabei anonym bleiben.

Und es gibt die binäre Struktur des Fußballs: die Repräsentanten der einen Stadt gegen die der anderen. Dieses „Wir gegen die anderen“ kann sich dann über Minderheiten verstärken. Man kann eine doppelte soziale Bestätigung durch das eigene Kollektiv erfahren, wenn man sich noch der Diskriminierung von zum Beispiel Sinti und Roma bedient.

Du forschst zu dem Thema seit Jahren. Gibt es eine positive Entwicklung und wie könnte man die beschleunigen?

Es gibt hier eher eine große Konstanz. Die antiziganistischen Gesänge werden weiterhin von vielen nicht als Problem angesehen. Es gab bei Energie Cottbus Kritik an antiziganistischen Gesängen. Und ein Jahr später passiert da genau das gleiche, mit dem gleichen Trainer, der das erneut verharmlost.

Zugleich gibt es aber viele Fanprojekte und Ultra-Gruppen, die zu Antiziganismus Veranstaltungen organisieren. Da passiert auch deutlich mehr als bei Vereinen oder Verbänden. Zunehmend gibt es also jetzt schon etwas Gegenrede, aber oft müssen immer noch die Betroffenen darauf hinweisen. Die große Fußball-Öffentlichkeit hat das noch nicht erreicht.

Lieber Pavel, vielen Dank für das Gespräch!

➡️ Wenn du dich mehr für das Thema interessierst, kannst du Pavel auch bei Twitter folgen.


Der TROPS-Tipp 💁

Weil gerade ja eh niemand von uns wirklich rausgehen kann, kommt mal wieder ein Serientipp, dieses Mal von TROPS-Leserin Leonie. Sie empfiehlt allen anderen Abonnent*innen des Newsletters „Defying Gravity“, eine sechsteilige Serie über das Kunstturnen (gratis auf YouTube):

„Es gibt sehr spannende Einblicke in die Geschichte des Turnens und gute Verknüpfungen zur gegenwärtigen Diskussion. Da sprechen dann die ersten Bodenturnerinnen darüber, wie sie Flugfiguren erfunden haben, dazu gibt es Archivaufnahmen. Man lernt sehr viel übers Turnen – und generell, wie sich Sportarten in den letzten Jahren entwickelt haben. Höher, schneller, weiter, immer krassere Elemente, immer krassere Sprünge.

Die Serie ist superschön gefilmt, es gibt richtig gute Slow-Mo- und Close-Up-Aufnahmen von den Turnerinnen. Es ist eine sehr ästhetische Serie, das Anschauen macht einfach Spaß. Und man versteht tatsächlich viele Übungen.“

🙌 Vielen Dank für den Tipp! Wenn du auch eine Idee hast, was für andere TROPS-Leser*innen interessant sein könnte, schreib’ mir einfach.


Die Videos der Ausgabe 📺

Wir kennen das ja alle: Man ist irgendwie sauer und will seine Wut rauslassen. Das ging auch Adrian Lis so. Er ist Torwart beim polnischen Verein Warta Poznań. Doch als er seine Wut rauslassen will, geht das irgendwie schief. Naja, am Ende muss er lachen und sein Team gewinnt sogar noch. Guck’ es dir an, geht nur zehn Sekunden.


Und wir sind ja gerade alle eingeschneit: Dass Schnee kein Grund sein muss, aufs Fußballspielen zu verzichten, zeigten vor 15 Jahren St. Pauli und Werder Bremen. Der NDR hat einen schönen kleinen Zusammenschnitt gebaut – über ein Spiel, das eher eine Schneeballschlacht ist. ❄️


So, das war die siebte Ausgabe von TROPS. Wenn du wen kennst, der Bock auf TROPS und auf das neue Buch von Andrea Petković hat, dann leite ihm*ihr doch gerne den Newsletter weiter. Die Person ist dann im Lostopf! 😎

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Nächste Woche kommt eine kleine Sonderausgabe, lass’ dich überraschen. Nun viel Spaß im Schnee oder daheim!

Herzliche Grüße
dein Laurenz

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