Wie junge Afghan:innen mit dem Skifahren anfangen

Die neunte Ausgabe vom TROPS-Newsletter: Über Kleidervorschriften in Katar, das große Loch nach der Karriere und einen Last-Second-Sieg

Liebe:r Abonnent:in von TROPS,

eben hat Joachim Löw angekündigt, nach der Europameisterschaft im Sommer aufzuhören. Der Newsletter steht aber schon seit gestern Abend und darüber liest du in den nächsten Tagen vielleicht sowieso ein bisschen. Deshalb geht es hier, in der neunten Ausgabe, um andere Themen. ✌️

Zum Beispiel ist der freie Journalist und Pulitzer-Preisträger Daniel Etter zu Gast im TROPS-Talk. Er ist über mehrere Jahre nach Afghanistan gereist und hat dort die Menschen beim Skifahren begleitet. Warum Sport aber jetzt nicht sofort den großen Wandel bringt, erklärt er weiter unten.

Ansonsten geht es um Fußballspieler, die nach der Karriere in ein tiefes Loch fallen, weil sie sich noch nie um sich selbst kümmern mussten und um Beachvolleyballerinnen in Katar – das Video diese Woche ist außerdem herrlich, wirklich!


1. Fußballer stürzen nach der Karriere oft ab – selbst das Frühstück kann zum Problem werden

Fußballspieler sind jetzt nicht die ersten, um die man sich Sorgen macht. Sie haben ein sehr privilegiertes Leben, verdienen viel Geld und können den ganzen Tag kicken. Nur: Wenn die Karriere einmal vorbei ist, beginnen oft die großen Probleme.

  • Viele Fußballspieler kommen schon im Alter von 14/15 Jahren in den Leistungsbereich. Dann spielen sie in den Jugendabteilungen der Vereine, genannt „Nachwuchsleistungszentren“ (NLZ). ⚽️

  • Ab dem Zeitpunkt sollen sie sich vor allem um Fußball kümmern – der Rest wird übernommen. Sie bekommen morgens, mittags und abends Essen, ihre Wäsche wird gewaschen, Reisen werden für sie gebucht. Einer, der selbst lange in einem NLZ war, hat mir mal erzählt: „Das war die geilste Zeit meines Lebens, uns wurde alles in den Arsch geblasen.“

  • Dadurch überspringen manche Spieler das Erwachsenwerden, das Selbstständigwerden. Und wenn es dann mit der Karriere irgendwann vorbei ist, spätestens mit Mitte 30, dann kommen viele damit nicht klar.

  • Manche haben sich in ihrem Leben noch nie selbst Frühstück gemacht. Dazu kommt ein schwieriger Umgang mit Geld: Viele Ex-Profis sind ein paar Jahre nach dem Karriereende pleite. Auch Beziehungen zerbrechen oft daran, dass sich das Leben so schnell geändert hat.

  • Ehemalige Spieler in England wollen das nun ändern. Sie haben die Organisation „Player4Player“ gegründet, die Fußballspielern bei Problemen nach der Karriere helfen will – egal, ob es finanzielle oder private Probleme sind. Auch in Deutschland gibt es um den ehemaligen Spieler Jan Rosenthal solche Überlegungen.

„Im Fußball wird dir gesagt, was du wie zu tun hast. Wenn du den Fußball verlässt, musst du anfangen, selbst zu denken. Das wird dir nicht beigebracht. […] Wenn du dich die ganze Zeit nur auf Fußball fokussiert, zerfrisst dich das.“ – Emile Heskey, Gründer von „Player4Player“

➡️ Der Journalist Benjamin Zurmühl hat für t-online mit mehreren ehemaligen Spielern über das Thema gesprochen und einen lesenswerten Artikel geschrieben:

Zum Text bei t-online


2. Die Behörden in Katar wollen Beachvolleyballerinnen die Kleidung vorschreiben – bis zwei Deutsche protestierten

Schon in der letzten Ausgabe ging es hier um Sport in Katar, damals um die Fußballspieler vom FC Bayern. Dieses Mal hat es was mit Beachvolleyball zu tun – und mit Kleidervorschriften.

  • Zum ersten Mal richtet der Beachvolleyball-Weltverband in Katar ein Turnier für Männer und eins für Frauen aus. Das Ganze läuft in dieser Woche (8.-12. März).

  • Normalerweise spielen viele Frauen im Bikini. Doch für das Turnier in Katar sollten sie Shirts und knielange Hosen anziehen. Man respektiere die Kultur und Traditionen des Gastgeberlandes und freue sich auf das Turnier, sagte der Weltverband gegenüber dem Spiegel.

  • Die deutschen Topspielerinnen Karla Borger und Julia Sude wollten diese Vorschriften aber nicht mittragen. „Es geht gar nicht um wenig anhaben oder nicht. Es geht darum, dass wir in unserer Arbeitskleidung nicht unsere Arbeit machen können. Das verstehe ich nicht“, sagte Sude. Außerdem sei es in der langen Kleidung extrem warm, das seien die Spielerinnen nicht gewohnt.

  • Nach den Äußerungen von Sude und Borger und der Spiegel-Recherche änderte sich etwas. Die katarischen Behörden zogen die Kleidervorschriften zurück, die Spielerinnen können jetzt anziehen, was sie möchten.

  • Das ist natürlich nur eine sehr, sehr kleine positive Nachricht. Denn dadurch ändert sich nichts an den Menschenrechtsverletzungen gegenüber Frauen, Homosexuellen, Gastarbeiter:innen, die in Katar geschehen.

Die Anforderungen an die Spielerinnen ähneln im Wesentlichen denen, die das Emirat an alle Frauen aus dem Ausland stellt. Es ist bei Kleidung „Zurückhaltung geboten“ – so empfiehlt es das Auswärtige Amt auf seiner Website. Nur: Die Sportlerinnen sind keine Touristinnen. »Der entscheidende Punkt ist, dass das Spielfeld für diese Frauen ihr Arbeitsplatz ist«, sagt Worden [Menschenrechtsanwältin von Human Rights Watch]. – Der Spiegel

➡️ Für den Spiegel hat die Journalistin Anne Armbrecht zu dem Thema recherchiert.

Zum Spiegel-Text


3. Frauen kriegen im Sport weniger Aufmerksamkeit als Männer – vier Olympionikinnen tun was dagegen

Die vier US-Amerikanerinnen Sue Bird, Alex Morgan, Simone Manuel und Chloe Kim haben letzte Woche verkündet, ein neues Unternehmen zu gründen: TOGETHXR. Mit diesem Medien- und Lifestyle-Unternehmen wollen sie Frauen mehr Aufmerksamkeit im Sport verschaffen.

  • Die vier Sportlerinnen sind sehr berühmt und erfolgreich. Zum Beispiel hat die Basketballspielerin Sue Bird schon vier Goldmedaillen bei Olympischen Spielen gewonnen.

  • Als Motivation nennen die Gründerinnen unter anderem diese erschreckende Zahl aus den USA: Obwohl Frauen die Hälfte aller Sportler:innen ausmachen, macht die Berichterstattung über sie nur fünf Prozent aus.

  • Sie wollen vor allem junge Frauen aus der Generation Z und Millenials ansprechen und Vorbilder aus dem Sportbereich präsentieren. Ansonsten soll es um Aktivismus, Kultur, Wellness und Beauty gehen.

➡️ Zur Seite geht es unter diesem Link. Einen ausführlichen Artikel, auch mit den wirtschaftlichen Hintergründen, haben Kevin Draper und Talya Minsberg für die New York Times geschrieben:

Zum NYT-Text


Der TROPS-Talk… mit Daniel Etter ☎️

Wenn man an Afghanistan denkt, dann ist Skifahren nicht das erste, was einem in den Kopf kommt. Umso beeindruckender ist die Reportage, die der freie Journalist, Fotograf und Pulitzer-Preisträger Daniel Etter für das GEO Magazin geschrieben hat. Er hat in der Provinz Bamiyan junge Männer und Frauen begleitet, die sich ihre Skier selbst bauen, dann die Berge runterheizen und von internationalen Wettkämpfen träumen. Zuvor hat er schon einen Film darüber gedreht. Im TROPS-Talk spricht Etter über seine Recherche und darüber, was das Skifahren für die Menschen bedeutet. ⛷

Lieber Daniel, wenn man Afghanistan hört, denkt man schnell an Kriege und die Taliban. Wie hat sich durch die Recherche dein Bild verändert? Was hast du über Afghanistan gelernt?

Ich war 2011 das erste Mal in Afghanistan. Damals war ich embedded bei den amerikanischen Streitkräften [Anmerkung: „embedded“ heißt im Journalismus, dass man bei Kriegseinsätzen mit dem Militär unterwegs ist]. Und wenn man das nur aus dem Internet und aus Nachrichten kennt, ist das natürlich ein großer Schritt gewesen, da hinzufahren. Die ersten Eindrücke dieses Landes waren also innerhalb des Schutzes von Militärbasen, hinter viel Stacheldraht, man hat nicht viel vom Land mitbekommen.

Diese Geschichte in Bamiyan war dann ein ganz anderer Eindruck, weil Bamiyan sehr sicher ist und man sich relativ entspannt in der Stadt fortbewegen kann. Man wird meistens freundlich empfangen und die Leute waren sehr gastfreundlich.

Was bedeutet es für die Menschen vor Ort, dort Skifahren zu können?

Das ist halt ein wahnsinnig komplexes Unterfangen. Dieses Land steht im Mittelpunkt von westlichen Interessen und westlichen Interventionen, in welcher Form auch immer. Es gibt nicht nur militärische, sondern auch humanitäre Interventionen. Dazu kommt das Skirennen, mit dem natürlich auch versucht wird, westliche Vorstellungen und Ideale da Fuß fassen zu lassen.

Wenn man einen großen Schritt zurück geht und die Meta-Ebene betrachtet, dann spielt da viel Orientalismus rein. Aber gleichzeitig hast du eben eine junge Generation, die durch Kommunikationsmittel, die in jedes Dorf gekommen sind, auch andere Vorstellungen haben als ihre Eltern. Es passiert also gerade sehr viel, es gibt große Veränderungen zwischen den Generationen.

In Bamiyan dürfen auch Frauen Ski fahren. Auf Twitter hast du geschrieben, dass oft das Narrativ sei, dass Frauen sich durch Sport Freiheiten erkämpfen. Inwieweit ist dieses Narrativ richtig beziehungsweise falsch?

Das ist ein Diskurs, der ein bisschen von oben herab geführt wird. Man sagt halt: Wir kommen hierhin und bringen Skier mit, die Frauen dürfen auf einmal Skifahren, das ist alles super und wir bringen denen ihre Freiheit. Dabei sind das aber viel komplexere Mechanismen, die man nicht in einer Reportage herunterschreiben kann.

Unser Diskurs ist aber darauf oft reduziert – meist darauf, dass Frauen in einer Form etwas machen, was in Europa normal wäre. Und das ist ein etwas exotisierter Blick, den wir da haben. Nichtsdestotrotz ist es natürlich schön, wenn Leute einen Moment haben, wo sie abgelenkt sind – vielleicht nur vom drögen Alltag oder all den Problemen, die das Land eben hat. Das bietet das Skifahren, aber eben auch nicht viel mehr. Das bringt jetzt nicht den großen Wandel.

Wie wird sich Skifahren in Afghanistan in Zukunft entwickeln?

Es gibt so einen kleinen Schlepplift, den die mit einem Moped gebaut haben. Ich glaube, es wird nicht viel darüber hinaus gehen. Es gab zwar mal Pläne, einen größeren Schlepplift zu bauen, aber das ist auf Eis gelegt. Die Landrechte sind nicht geklärt, jedes Dorf hat seine eigenen Interessen daran. Und was hinzukommt: Durch den Klimawandel ist auch nicht mehr so viel Schnee da. Es wird wärmer, es wird trockener. Das ist das gleiche Problem wie in den Alpen.

Herzlichen Dank für deine Antworten!

➡️ Wenn du mehr von Daniel Etters Fotos sehen möchtest, kannst du ihm auf Instagram folgen.


Der TROPS-Tipp 💁

Die Reportage von Daniel Etter heißt „Die Holzklasse“. Du kannst sie im aktuellen GEO Magazin lesen. Das gibt es am Kiosk mit richtig schönen Fotos – ansonsten ist der Text auch bei Blendle einzeln zu kaufen.

Und: Etter hat über das Skifahren in Afghanistan bereits einen Dokumentarfilm gedreht. „Where the Light Shines“. Dafür begleitete das Filmteam vier Jahre lang Sajjad Husaini und Alishah Farhang, Afghanistans erste Skiathleten, die sich für die Olympischen Winterspiele qualifizieren wollen.

➡️ Den Film kannst du zum Beispiel bei iTunes kaufen (9,99 Euro) oder leihen (3,99 Euro).

Zum Film


Das Video der Ausgabe 📺

Stell’ dir mal vor, du hast in einem Basketballspiel zwei Sekunden vor Schluss noch zwei Freiwürfe. Und mit denen kannst du für deine Mannschaft den Sieg klarmachen. So ging es einem Kind in Fukuoka (Japan). Aber man muss wissen: Während der Freiwürfe wird die Uhr angehalten, zwei Sekunden bleiben auf der Uhr.

Das Video ging vor zwei Wochen auf Twitter viral, am besten schaust du es dir mit Ton an. 🏀


So, das war die neunte Ausgabe vom Newsletter. Nächstes Mal ist also schon die 10. Ausgabe dran: Wenn du dafür Feedback für mich hast oder Geschichten, Filme, Bücher etc. findest, die auch für alle anderen TROPS-Abonnent:innen spannend sein könnten, dann antworte mir gerne hier auf diese Mail oder schreib’ mir an mail@laurenzschreiner.de. Danke! 💜

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Bis in zwei Wochen! ✌️

Herzlichen Gruß
dein Laurenz

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